Tee Royal

Abwarten und Tee trinken.

Ein altes Sprichwort in China besagt: „Man trinkt Tee, damit man den Lärm der Welt vergisst.“ Aus dem Reich der aufgehenden Sonne stammt der Tee und wurde dort vor circa 4700 Jahren zum ersten Mal schriftlich erwähnt. Wie auch bei anderen Genussmitteln wie Whisky, Tabak und Wein ranken sich auch um seine Herkunft einige Legenden. Die am weitesten verbreitete ist die des chinesischen Kaisers Shen Nong. Der rastete vor tausenden Jahren unter einem Baum in seinem Palastgarten. Dem „Sohn des Himmels“ fielen dabei einige Blätter des darüber hängenden Astes in einen Kessel mit kochendem Wasser – das sprudelnde Wasser färbte sich hellgrün und ein angenehmer Duft stieg aus dem Kessel. Der Kaiser ließ es sich nicht nehmen und kostete das wohlriechende Getränk. Und siehe da: Er fühlte sich belebt und erfrischt von dieser interessanten Mischung.

Seit Anfang des 18. Jahrhunderts bezeichnet man alle Aufgüsse aus Pflanzen als Tee – also auch Kräuter- und Früchtetees. Davor war Tee jedoch klassischerweise Grün- oder Schwarztee.

Über buddhistische Mönche kam der Tee knapp tausend Jahre später nach Japan und wurde dort sehr bald mit den religiösen Mythen des Zen-Buddhismus verknüpft. Daraus entstand wiederum die aufwendige japanische Teezeremonie. Wie tief der Tee in die Religion verwurzelt ist, erzählt die Geschichte von Bodhi-Dharma: Der buddhistische Mönch meditierte mehrere Jahre lang ununterbrochen und kämpfte gegen den Schlaf – bis er schließlich vor Müdigkeit doch noch einschlief. Nach seinem Erwachen war er so zornig, dass er seine Augenlider abriss und sie fortwarf. Die Lider schlugen Wurzeln und es wuchs daraus der erste Teestrauch. Fortan konnte der Mönch der Müdigkeit widerstehen. Noch heute verwenden Japaner und Chinesen das Schriftzeichen „Cha“ sowohl für Tee als auch für das Augenlid.

  • Teekultur mit Kamineffekt: eiserne Teekessel auf offener Flamme.
    Teekultur mit Feuer und Flamme: eiserne Teekessel auf der Feuerstelle.

Royal Tea.

Gleich vorweg sei gesagt: Um wie ein britischer Gentleman zu erscheinen, sollte man seine Teetasse zum Beispiel keinesfalls umklammern, sondern nur mit Daumen und Zeigefinger halten – ohne den kleinen Finger abzuspreizen. Denn das sei ein Zeichen von Überspanntheit und Aufmerksamkeitsbedürfnis. Auch den Löffel abzuschlecken oder gegen den Rand der feinen Porzellantasse schlagen kommt in Gegenwart von Briten nicht gut. In seinem berühmten Essay „A Nice Cup of Tea“ hat der englische Autor George Orwell elf Regeln für das Teetrinken aufgestellt. Jede dieser Regeln sei golden, schreibt Orwell in seinem Text, der erstmals 1946 im Londoner „Evening Standard“ erschien. Die Teekanne sei vorzuwärmen, auf Zucker sei zu verzichten und, ganz wichtig: Erst komme der Tee in die Tasse, dann die Milch. George Orwell war ein eminent kluger Mann, der grundsätzlich in fast allem recht hatte, aber dieser letzte Punkt ist unter Briten heute ebenso umstritten wie vor 70 Jahren. Bei vielen Teetrinkern gilt als ausgewiesener Banause, wer nicht zuerst die Milch in die Tasse gibt und dann erst den Tee. Orwell schrieb, dass es in der Milchfrage vermutlich in jeder Familie zwei Denkschulen gebe, aber dass er selbst zweifellos richtig liege. Diese Besserwisserei war natürlich nicht ganz ernst gemeint, denn bekanntlich besteht Britishness zu ungefähr gleichen Teilen aus Selbstironie – und eben Teetrinken. Umso alarmierender ist eine just im Vereinigten Königreich veröffentlichte Studie, der zufolge die Briten immer weniger Tee trinken. Die Zeitung „Guardian“ wertet das Ergebnis als untrügliches Zeichen dafür, dass die Insel dem Untergang geweiht ist.

Der Begriff „Tea Time“ oder „Afternoon Tea“ für den Tee am Nachmittag wird tatsächlich eher außerhalb Großbritanniens verwendet, da man auf der Insel eigentlich immer Zeit für eine Tasse Tee hat. Mit dem Afternoon Tea in London verhält es sich allerdings wie mit dem Munich Mule in München oder dem Veneziano in Italien: Man meint immer, das Original gefunden zu haben, wird dabei über den Tisch gezogen und schlechter Qualität abgefüllt, die einen verzweifeln lässt – bis man dann doch auf etwas stößt, dessen Qualität die Legende erklärt.

  • Chinesische Teeschale mit afrikanischem Roiboos Tee.
    Chinesischer Tee aus dem Reich der Mitte.

Graue Eminenz.

Apropos Legende: Der Earl Grey Tea ist der beliebteste Tee der Briten. Und man erzählt sich, dass der Tee durch Zufall entstanden: Auf dem Schiffstransport von China nach Europa lagerten neben Teeballen auch Fässer mit Bergamotte-Öl, von dem bei hohem Seegang einiges überschwappte, in den Tee floss und diesen so aromatisierte. Sir Grey soll das Malheur noch im Hafen als köstlich eingestuft, den Tee vor der Vernichtung bewahrt und somit für einen neuen Typus gesorgt haben.

Zu Tisch im Grand Imperial.

Den besten Afternoon Tea mit chinesischem und somit originalem Einschlag findet man in London im Grand Imperial Restaurant des luxuriösen Dorchester Hotel an der Buckingham Palace Road. Der Afternoon Tea wird hier nicht nur mit Gurkensandwich und Kuchen serviert, sondern auch mit  speziell für diese Gelegenheit erdachten Dim-Sum Kreationen. Sie sind süß oder salzig, wobei am überraschendsten ohne Zweifel die Meisterwerke aus Schokolade sind. Der wahre Höhepunkt des Besuches aber ist der unlimitierte Fluss von feinstem chinesischen Tee, der von Blättern mit frischem, blumigem Geschmack bis hin zu einer speziell fermentierten Version aus Yunnan reicht. Ein Tee aus Osmanthus-Blüten soll gar Wunder wirken und für einen Porzellanteint sorgen. Darin möchte man am liebsten baden. Das Vergnügen kostet, ein Glas Rosé-Champagner inbegriffen, 28 Pfund und ist somit für die Ladies und Gentlemen durchaus erschwinglich. Und ein schönes Geschenk zu Weihnachten für alle Kenner, und solche, die es noch werden wollen.

Verwandte Beiträge